Ein ganzes Leben

Wir Menschen gehören ja zu den Lebewesen mit großen Hirnen. Dennoch vergessen wir unablässig. Gerne auch wichtige Dinge. Mein Vater hat mich in den letzten Monaten oft gefragt, warum man geboren wird, wenn man am Ende doch nur stirbt. Ich hatte darauf keine Antwort. Jetzt, wo er tot ist, würde ich sagen: „weil mit dem Tod erst ein Leben – wenn vielleicht nicht vollendet, so doch wenigstens >fertig< ist“. Das ist wenig neu. Aber für mich gerade eine wichtige Erinnerung: Erst das Ende macht ein Leben komplett. Und wo wir bis zum letzten Tag noch viele offene Türen haben, die uns die Möglichkeit geben, noch einmal etwas anders zu machen, ist der Tod ein Abschluss.

Sogar ein plötzlicher Tod kann in diesem Sinn ein Leben komplett machen. Und uns im Leben die Gewissheit (und vielleicht auch den Trost) geben, dass wir nichts mehr erreichen müsssen. Sondern dass wir jeden Augenblick unseres Lebens schon vollständig sind. Ich kann mich erinnern, dass ich einen ähnlichen Gedanken schon vor acht Jahren hatte, als meine Mutter gestorben ist. Mal sehen, wie lange die Erkenntnis dieses Mal hält. Noch ein Elternteil habe ich ja nicht…

Filed under: Allgemein
Avatar von Unbekannt

von

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Avatar von Alexander Carmele

    Alexander Carmele 26. März 2024

    Ich glaube oder spüre, dass die Toten bei einem bleiben, einen ständig begleiten und an all ihr Wissen, das sie vermitteln konnten, mahnen. Aus Ahnen wird Mahnen, und in dieser Ermahnung entsteht vielleicht ein Wachen. Wer weiß. Ich denke jeden Tag an meine Oma, und jeden Tag spüre ich diese Lebendigkeit und dieser Lebensdrang, der von ihr ausging, bis sie einfach keine Lust mehr hatte, aus vielen Gründen, und doch hatte sie diesen festen Griff und dieses Leuchten in den Augen! Mit anderen Worten, ich denke, es bedarf nicht mehr als zwei Elternteile. Sie bleiben ja doch, oder nicht?

    Gefällt 3 Personen

Hinterlasse einen Kommentar