Was mir nicht gut tut

Zu den festen Glaubenssätzen zeitgenössischer Großstadtbewohner*innen gehört der von der permanenten Reizüberflutung. Er besagt, dass wir täglich und auch nachts von abertausenden Reizen überflutet werden, und deshalb so gestresst sind, müde, grau und unausgeglichen. Regelmäßige Ratschläge ziehlen auf Entschleunigung, auf Wellness und alles, was uns gut tut. Ganz so, wie ich heute in einer Artikel-Überschrift las: Einen klaren Kopf behalten, indem man alles ausblendet, was einem eben „nicht gut tut“.

Echt jetzt?

Wir armen überzivilisierten Wesen haben es natürlich oft nicht leicht. Alles bunt, schnell und laut. Geschenkt. Wirksamstes Gegenmittel ist oft kurz die Augen zu schließen. Geht nicht immer. Hilft aber sofort. In der nächsten Nebenstraße ist meist auch schon gleich ruhiger. Zu Fuß gehen kann helfen, auch abends zu Hause bleiben. Aber nur noch das reinlassen, was mir gut tut?

Ich halte solche Ratschläge für schlimmste Gehirnwäsche. Denn erstens weiß ich gar nicht, was mir gut tut. Ich messe meist nur die aktuelle Befindlichkeit. Und die ist schneller verflogen, als ich gucken kann. Und es gibt ja immer wieder diese plötzlichen Zusammenstöße mit unangenehmen Tatsachen, Menschen oder Dingen, die einen ebenso plötzlich Einsichten bescheren, die uns vielleicht erst im Laufe der Zeit froher, weil gegenwärtiger machen. Oder uns auf Missstände hinweisen, die wir – zumindest für einen Moment – auflösen können (und wenn wir nur Trost spenden).

Könnte es sein, dass ich, statt mich zu fragen, was mir gut tut, einfach mal überlegen sollte, was ich gutes tun kann. Nicht um auf einen Heiligenschein zu spekulieren, sondern um mich selbst ans Ruder zu lassen, statt stets nur abzuwehren, was da auf mich zukommt. Ich habe mal wieder einen langen Arbeitstag, mal sehen, ob es funktioniert.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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