Ein Buch ist ein Vogel ist ein Buch ist ein Vogel

Als Kind ahnte ich den Zusammenhang. Zwischendrin ist mir die Vorstellung verloren gegangen. Es wäre zu beängstigend gewesen. Allein die Möglichkeit, die gesamte Kunsthistorische Bibliothek der Uni Bonn, die mit großer systematischer Sorgfalt unter den Dächern des alten Bonner Stadtschlosses untergebracht war, hätte sich eines Tages zum Abflug entschlossen! Oder wenn die eigenen Bücher auf diese Weise verschwunden wären. Bücher kaufen ist für mich bis heute mit dem Versprechen verbunden, mehr Wissen zu erlangen. Und wenn dieses Wissen nur im Regal steht. Könnte es abhauen – pfffffff….

Aber was bedeutet es, wenn Bücher ein eigenes, Spezien-eigenes Leben führen? Müssten wir unsere Bücher besser behandeln? Zähmen vielleicht? Könnten wir diese Gebrauchsobjekte anders schön finden? Ändert sich überhaupt etwas, wenn wir unbelebten Dingen ein Eigenleben zugestehen?

Yoko Hata unternimmt unter ihrem Künstlernamen GUP-py Expeditionen in die belebte Ding-Welt. In einer Werkreihe sind es Koffer, die, mit Luftlöchern ausgestattet, als Reisehunde unseren Alltag mit Sehnsucht und Reiseträumen unterwandern. Die Buchvögel verfolgt sie schon länger. Jetzt ist ihr Buchvogel-Atlas im Pluraal-Verlag erschienen, eine Art Resümee ihrer bisherigen Arbeiten zu dem Thema. Selbst ein Kunst-Buch und also Kunst-Vogel, mit dem wir unsere Erfahrungen mit Büchern, mit Vögeln, mit der eigenen Lust an Gedankenspielen, an Was-Wäre-Wenn-Fragen erkunden können.

Schwerpunkt sind Assoziationen verbunden mit dem Hin-und-Her-Denken zwischen Büchern und Vögeln. Was also, wenn Bücher Vögel sind, und wir sie – analog zur naturwissenschaftlichen Praxis der Taxonomie – in Gattungen unterteilen? Wenn wir ihre Habitate vermessen und beschreiben, ihr Verhalten, ihr Aussehen, ihre Besonderheiten? Wie sehen ihre Flugrouten aus, wie ihr Brutverhalten, und kann es tatsächlich sein, dass diese Wesen selbst Künstler*innen sind, die durch bloße Anwesenheit, Landschaften aufleben lassen, wie Flamingos, die knallrosa Flecken in Wasserwelten zaubern, oder japanische Langschwanzhähne, die fliegend mit goldenen Federn Streifen vor den Himmel legen.

Was ist die menschliche Zivilisation? Was ist Natur? Wo liegen unsere Verantwortungen? Ein Buchvogel kann inspirieren, unsere Existenz neu zu denken. Und wenn der neue Aspekt winzig ist wie die überraschende Tatsache lauter Vogelschreie, Gesänge, Plänkeleien, die eine menschenleere Landschaft in einen akustischen Tumult verwandeln, wo wir touristisch neurotisierten Reisenden tiefe Stille in weiter Landschaft erwarten…

Der Vogelatlas ist hier zu haben: https://einbuch.haus/products/buchvogel-atlas

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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