Moment vs. Dauer

Wenn ich sage, dass es eine Zeitreise war, mag der Begriff im ersten Moment verwirren. Weil wir bei dem Wort unwillkürlich an die Reise in eine andere Zeit denken, gerne an die Kindheit, wenn es sich um eine Reise in die Heimat handelt.

Aber es war ganz anders. Allein schon, weil ich mit der Bahn gefahren bin. Und ich mich bereits bei der Anreise wegen der Verspätung auf Dauer einstellen konnte. Haha. Nee. Soll gar kein schlechter Witz sein, sondern von dem allgemeinen Zeitverständnis berichten. Denn natürlich ist es blöd, zu spät zu kommen. Gerade, wenn eine/r einen Anschlusszug gebucht hat (aber wie schön, wenn der dann auch gehörig Verspätung hat…). Was mir auffiel: Wir sind auf Momente fokussiert. Und, um es noch einen Schritt weiter zu treiben: auf perfekte Momente.

Das war natürlich nur der Anfang. Ich hatte viel Gelegenheit, auf einer geriatrischen Station im Krankenhaus zu sitzen. Dort liegen – unserem Gesundheitssystem zum Spott – auch gesunde Menschen, die auf dem Weg sind zu sterben. Sie liegen da natürlich nicht „richtig“. Sie müssten von der Pflege versorgt werden. Die aber, überlastet wie sie ist, manchmal nicht alle gleich aufnehmen kann.

Den eleganten Bogen für einen Text zu schlagen, ist für mich gerade noch zu früh. Deshalb mag meine Beschreibung hier noch fahrig wirken. Dennoch hatte ich plötzlich den Eindruck, dass wir groß darin sind, perfekte Momente anzustreben und auch zu realisieren, aber eher schlecht darin, Dauer zu gestalten, geschweige denn, zu denken oder auszuhalten. Ein gelungener Alltag hat geschmeidig zu sein, da muss es reibungslos flutschen. Ein Termin folgt auf den nächsten, abends wird alles zufrieden abgehakt.

Was aber mit drei Stunden Wartezeit machen? Was mit endlosen Besuchen im Krankenhaus, wenn der Patient entkräftet schläft und der Mann im Nachbarbett vor Verzweiflung schreit? Was ist mit Schmerzen, die einen tagelang plagen, ohne dass eine Tablette Linderung verschafft? Was mit einer kaputten Warmwassertherme, die für nix in der Welt repariert, geschweige denn, ersetzt werden kann? Was mit schlaflosen Nächten? Was (und auch das kann plötzlich eine Herausforderung sein) mit einem ganzen freien Tag?

Wenn wir auf den Bildschirm schauen, sehen wir Momente. Geschenkt: Die Werbung verkauft nur so etwas. Aber natürlich können auch Filme eher Momente einfangen denn Dauer. Wer will schon tagelang im Kino sitzen. Insofern sind wir auf Momente gepolt. Ohne umgekehrt viel Gelegenheit zu haben, Dauer zu erfahren. Am ehesten vielleicht noch mit einem Haustier. Mit dem Erlernen von Etwas, sei es ein Instrument, eine Sprache oder sonst eine Fertigkeit. Schon die Fähigkeit ein langes Musikstück still sitzend in einem Konzertsaal zu hören, bröselt gewaltig. Konzerte in der Berliner Philharmonie schrumpfen seit Jahren. Es gibt mittlerweile häufig Abende, die gerade mal 85 Minuten dauern. Nicht mal eine Schul-Doppelstunde.

Was mir also durch den Kopf ging: Wir denken möglicherweise mehr in Momenten, denn in Dauer. Und das scheint mir ein dicker Fehler zu sein. Weil ein Leben auf Dauer angelegt ist. Nichts gegen perfekte Momente. Aber was ist mit dem Rest? Zeiten, die sich nicht in Momente konfektionieren lassen. Die durchlebt, im schlimmeren Fall durchgestanden werden müssen? Was denkt Ihr? Sehe ich zu schwarz und weiß? Oder übersehen wir die meiste Zeit tatsächlich etwas?

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Avatar von Alexander Carmele

    Alexander Carmele 8. Juli 2023

    Es gibt sogar Versuche, Bedeutung über Spuren als Dauer zu begreifen. Das wirft tiefe Fragen über Rituale und Wiederholung auf – wie das Herz, das regelmäßig schlägt, uns durchströmt und voller Kraft atmen und leben und fühlen lässt. Ich denke, dass neuere Studien begreifen, dass es weder Statik (Moment) noch Dynamik (Dauer), sondern um ein dynamisches Sich-Ähneln und Gleichen, um ein dynamisches Gleichgewicht geht. Schöne Analyse. Viele Grüße über die sonnigen Dächer Berlins!

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  2. Avatar von derdilettant

    derdilettant 9. Juli 2023

    Tones ist ein abstrakter Wert seiner Länge, der Rhythmus gliedert die Zeit hierarchisch. Schwer leicht schwer leicht usw., der nächst größere Zusammenhang wieder schwer leicht usw. Das sind im Grunde gefühlte Momente, die sich aufsummieren zu größeren Einheiten. Ein Leben als reine Dauer wäre wahrscheinlich schwer aushaltbar, es braucht Momente gesteigerter Intensität, die es gliedert und die Zeit erst erfahrbar macht. Was ich heute als störend empfinde ist allerdings der Angriff turbokapitalistischer Geschäftsmodelle auf unser in langer Evolution ausgebildetes Maß der Lebensdinge. Da die Psychologen und Ingenieure herausgefunden haben, was uns für den Moment glücklich macht, fahren sie sämtliche Geschütze auf um uns mithilfe dieses Wissens zu kriegen. Wenn Belohnungen im Sekundentakt winken, fällt die (Aus)dauer schwer. Und wenn sich der künftige Mensch durch eine sich entwickelnde KI gar nicht mehr anstrengen muss für Kompetenz zwecks Erreichung eines Ziels und somit auch keine Zeit mehr in etwas investieren muss, sondern das vormals mittels Kompetenzeinsatz erstrebte Glücksgefühl „frei Haus“ geliefert bekommt, wird sich unsere Daseinsform nochmals völlig ändern. Ein paar Gedanken zu deinem schönen Text.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 13. Juli 2023

      Was ich gerade Alexander geschrieben habe, wäre vielleicht auch hier ein Begriff: Pulsieren. Das weniger keine Folge als Unregelmäßigkeit im Wechsel. Und ja. Die Momente sind extrem wichtig. Deswegen gibt es ja auch Literatur, Film (na, und eben auch Werbung). Du bringst dazu einen wichtigen Aspekt ins Spiel: Die Belohnung. Und der auch schon belohnende Moment des Gelingens. Konsum als Ersatzgefühl für Kompetenz. Darüber denke ich gerade auch bei mir noch mal scharf nach…

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