und wo ich gerade dabei bin…

Lieblingsbücher wieder aus dem Regal zu ziehen. Hier noch eins:

Anne Carson: Anthropologie des Wassers. Berlin 2014 (Original 1995)

„Wasser ist etwas, das du nicht halten kannst. Wie Männer. Ich habe es versucht. Vater, Bruder, Geliebter, wahre Freunde, hungrige Geister und Gott – alle haben sich meinen Händen entzogen, einer nach dem anderen. Vielleicht muss das so sein – weshalb Anthropologen Begegnung mit fremden Kulturen als <normale Gefahren> bezeichnen.“

Die kanadische Schriftstellerin Anne Carson ist für mich eine der größten Lese-Herausforderungen. Ich verstehe wenig. Bin aber nach jeder Lektüre euphorisch.

„Doch ich lernte damals das Wichtigste, was du über Demenz lernen kannst, nämlich, dass sie sich schleichend in der Gesundheit einnistet. Nirgends ein Tor, das plötzlich zuschlägt. Vater war von jeher verschlossen. Jetzt war die Welt in seinem Kopf ein sakraler Bereich, kein Zutritt, keinerlei Wegweiser. Vater war von jeher leicht jähzornig. Jetzt war jede seiner Stimmungen ein Mienenfeld, auf dem wir uns, wenn überhaupt, äußerst behutsam, mit ausgestreckter Hand, vorantasteten.“

Und so ein Absatz ist es, der mich staunen lässt, wie wenig Zufall im Wiederfinden der Bücher steckt. Jedes bietet sich an, wenn Not ist. Tatsächlich beginnt für meinen Vater das Sterben. Er zieht sich in eine Altersdemenz zurück. So plötzlich, dass ich es noch gar nicht fassen kann.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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