Nein, so schlimm ist es nicht: ich lese keineswegs bloß noch „Klassiker“ über 100. Ich lese – aber auch das mag meinem Alter geschuldet sein – einige Bücher ein zweites oder sogar drittes Mal. Tatsächlich auch mit größtem Gewinn. Denn viele Bücher habe ich als junge Frau gemocht. Aber kaum verstanden. Wenn man denn überhaupt beim Lesen etwas „verstehen“ will. Gerade dunkle Bücher waren mir früher zunächst ein Trost. Was andere traurig fanden, fand ich erleichternd, weil endlich einmal irgendwo zu lesen stand, wie ich mich fühlte. Und das war meistens verloren. Der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann hatte in dieser Hinsicht einen großen Eindruck auf mich gemacht. Neulich sprach mich eine Freundin auf das Buch an. Jetzt lese ich es zum zweiten Mal.
Ich erinnere mich, wie sehr es mich damals getröstet hat, was gleich auf den ersten Seiten zu lesen ist, wie nämlich der Ich-Erzählerin das „Heute“ nicht nur zerbröselt, sondern ganz und gar unmöglich ist.
„Denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keine Bedeutung…“ (S. 9)
Es folgt eine Beschreibung, die ich als Implosion des Augenblicks bezeichnen würde, die Ingeborg Bachmann im weiteren Text als „Angstanfall“ (als Bezeichnung der Ärzte) benennt.
„Wenn ich hingegen <heute> sage, fängt mein Atem unregelmäßig zu gehen an, diese Arhythmie setzt ein, (…) (die) mich disponiert macht, mich stigmatisiert, (…) zu ergreifend (ist).“ (ebd.)
Hier schließt sich die Skizze einer – wie sie auf Buchrücken oft so übersichtlich formuliert wird – „Dreiecksbeziehung“ an zwischen der Ich-Erzählerin, Malina und Ivan. Man könnte es auch in einem Buchrücken ähnlich reißerischen Jargon als „Bermudadreieck“ bezeichnen, in dem sich die Erzählerin bewegt, im Kreis, abgeschottet von allem, gleichzeitig höchst präsent in der Wahrnehmung kleinster Verschiebungen. Und mit einer schönen ironischen Selbstbeobachtung, denn auch in den Angstzuständen hat man schließlich seine Würde und kann, verloren wie man ist, trotzdem etwas Besseres sein:
„Aber Washington und Moskau und Berlin sind bloß vorlaute Orte, die versuchen, sich wichtig zu machen. In meinem Ungarngassenland nimmt niemand sie ernst oder man lächelt über solche Aufdringlichkeiten wie über die Kundgebungen ehrgeiziger Emporkömmlinge, sie können nie mehr hereinwirken in mein Leben, mit dem ich in ein anderes hineingelaufen bin…“ (S. 25)
Und dann kommt der Krieg. Der Liebeskrieg. Und es gibt weder Böse noch Gute. Auch wenn wir immer wieder in Fallen und Hinterhalte gelockt werden. Und vielleicht, als Leserinnen zumindest, denken mögen, „diese unmöglichen Männer“, aber es ist komplexer, verstörender, endlos und – von einzelnen Pausen abgesehen – unlösbar.
„Wenn Ivan auch gewiss für mich erschaffen worden ist, so kann ich doch nie allein auf ihn Anspruch erheben. Denn er ist gekommen, um die Konsonanten wieder fest und fasslich zu machen, um die Vokale wieder zu öffnen, damit sie voll tönen, um mir die Worte wieder über die Lippen kommen zu lassen, um die ersten zerstörten Zusammenhänge wiederherzustellen (…) so werde ich kein Jota von ihm abweichen (…) – (…) weil Ivan mich zu heilen anfängt, kann es nicht mehr ganz schlimm sein auf Erden.“ (S. 29/30)
Wer das Buch kennt, weiß, dass es ganz schlimm ist und trotz/wegen Ivan auch so bleibt. Der letzte Satz des Romans beschließt das Grauen und eben auch das Dreieck mit der Feststellung:
„Es war Mord.“ (S. 356)
Ich bin noch zu weit am Anfang, um eine Rezension zu schreiben, außerdem gibt es davon wirklich schon genug. Wer mit verstörenden Selbstreflexionen, mit auswegslosen Situationen, großem Galgenhumor und einer brillanten Sprache etwas anfangen kann, sollte weiterlesen. Andere haben vielleicht Lust, ein altes Lieblingsbuch noch einmal hervorzukramen. Das lohnt sich nach meiner Erfahrung auf jeden Fall.
Sorry, ich habe mich in der Formatierung verheddert. Ich hoffe, der Text ist auch so verständlich….

Alexander Carmele 24. Juni 2023
„Malina“ gehört zu den Romanen, die ich immer wieder mit großen Lebensfreudegewinn lesen und neu entdecken kann. Was Handlung, was Reflexion, was Imagination der Ich-Erzählerin ist, bleibt in der Schwebe, und was daraus entsteht, kann ich nur als Gewebe des Widerstandes erkennen, sich nicht in die Ecke drängen zu lassen, von nichts und niemanden, und einer Poesie der Befreiung zu vertrauen, egal wie dunkel es auch manchmal um einen herum erscheint (s. Szene mit dem Vater in „Malina“).
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Stephanie Jaeckel 25. Juni 2023
Schön, dass Du von Widerstand schreibst. Es wirkt ja vieles so verstrickt, so hoffnungslos, dass mir dieser Aspekt schnell abhanden gekommen ist. Aber ja. Die Szenen mit dem Vater sind der eigentliche Grund, weshalb ich das Buch gerade noch einmal lese. Abgründe tatsächlich. Aber vielleicht eben auch ein Kompass.
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