Es gibt diese Zeiten, in denen scheinbar alles gleichzeitig passiert. Wie eine Lawine, ein Sturzbach saust (hauptsächlich) Ungemach über einen hinweg, Tageszeiten verschwimmen, Wochen schrumpfen auf wenige Tage, Alarm an allen Ecken und Enden. Und dann kehrt Ruhe ein. Oder zumindest eine Atempause. Bin ich noch da? Wie herb sind die Verluste? Gab es vielleicht auch Gewinne? Habe ich etwas vergessen? Nicht bedacht? Welche Termine sind die Drängendsten? Wie organisiere ich den verbleibenden Monat? Und wie bekomme ich schnellstmöglich das Fieber weg?
Tatsächlich gibt es, wenn der gröbste Stress vorbei ist, Momente großer Ruhe. Und Platz für neue Einsichten. So hatte ich völlig übersehen, dass Montaigne seine Essays während der blutigsten Religionskämpfe verfasst hat, die Frankreich je erlebte. Es war Krieg vor der Haustür und er schrieb gegen Brutalität, Verwahrlosung, Mord, Heuchelei und viele entsetzliche Dinge mehr an. Er fragte sich, woher die menschliche Grausamkeit komme, und ob, und wenn ja wie, man sich dagegen verwehren kann.
Größtmöglicher Stress bringt mich an Grenzen. Ich verliere die Balance und spüre die Verlockung, schnelle und unfaire Lösungen zu wählen. Mich überkommt larmoyantes Selbstmitleid und ich muss dagegen ankämpfen, die Augen zu schließen. Oder dem Gefühl auf den Leim zu gehen, gar nicht mehr da zu sein.
Und dann gibt es diese Stimme aus dem 16. Jahrhundert und spricht mir Mut zu. Dass es meine Entscheidung bleibt, mich von Widrigkeiten einschüchtern zu lassen – oder eben nicht. Eine Brücke über die Zeit, ein Geschenk nur für uns Menschen. Es regnet. Zeit, schlafen zu gehen.

quersatzein 17. Juni 2023
Oh ja, manchmal reisst einem die Wirklichkeit den Boden unter den Füssen weg und man muss ich mühsam aufrappeln und neue Standflächen suchen.
Ich wünsche dir ganz viel „Durchstehkraft“, positive Rückendeckung und inneren oder äusseren Schub in die gewünschte Richtung!
Einen lieben Gruss,
Brigitte
LikeGefällt 1 Person
Alexander Carmele 17. Juni 2023
Montaigne zu lesen hilft tatsächlich. Überall liegt bei mir eine Ausgabe seiner Essays herum. Es gibt so viele Ausgaben, alle üben etwas Beruhigendes auf mich auf. Ich lese dieses und jenes und freue mich, einem so bescheidenen Schriftsteller meine Aufmerksamkeit zu leihen. Die kleinste Sätze besitzen etwas Buntes und Freies und dem Stress Enthobenes. Das stimmt. Viele Grüße!
LikeGefällt 1 Person