Naive Kunst

Einmal mehr denke ich über Henri Rousseau nach und überlege, wo im Menschen die künstlerischen Fähigkeiten sitzen: In den geschickten Händen? Im klugen Kopf? In einem Sinn für Proportionen und Farben? In Absichten? In traumwandlerischen Gewissheiten? Im Können? Im Fühlen? In einem großen Herzen?

Rousseau der gut 25 Jahre gegen Konventionen und Mainstream anmalte, muss zumindest mit einem festen Willen ausgestattet gewesen sein. Aber dann verwundert doch immer, wie sehr er die altmodischen Akademiker hoch schätzte, während die Avantgarde-Maler von ihm kaum Lob zu hören bekamen. Außer Cézanne, über dessen meist unvollendeten und unsignierten Bilder Rousseau sagte, er sei in der Lage, sie alle fertig zu malen (und wie gerne ich das gesehen hätte).

Manchmal möchte ich mich mit der Behauptung aus der Affäre ziehen, dass Bilder nicht gleich Bilder sind. Da sollte ich vielleicht mal weiterdenken, heute bin ich leider schon viel zu müde dazu. Das Foto zeigt keinen Rousseau, sondern das Detail einer Landschaft von einem sehr sympathischen älteren Herrn aus dem Wedding, der mit Lineal, Faserstiften und viel Geduld zauberhafte Stadtansichten zaubert. Wie bei Rousseau entsteht etwas ganz Unerwartetes: aus der Steifheit eines mit Lineal anrückenden Laien entsteht etwas so noch nicht gesehenes. Was soll ich sagen? Toll, dass es diese Überraschungen gibt – immer wieder.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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