Erwachsen werden

Meine Vorstellung vom Kindsein und vom Erwachsenwerden ist nach wie vor mehr die einer Entfaltung als die einer Verpuppung. Diese etwas herablassende Art, Generationen aus früheren Zeitaltern vorzuwerfen, sie hätten Kinder bloß als „kleine Erwachsene“ gesehen, ist mir deshalb wenig plausibel. Natürlich wachsen Kinder noch und verändern sich und reifen und was noch alles. Bei uns wechseln sie mit 18 die Seite, aber wenn sie sich nicht mitnehmen, werden sie wohl erwachsen, aber eben so sicher nur ein halber Mensch.

Wie ich darauf komme? Ich habe eben in dem Interview-Buch „Alles fragen, nichts fürchten“ gelesen, in dem Martin Hatzius Dietmar Dath zu seinem bisherigen Leben befragt. Dietmar Dath gibt dort eine Antwort zum Erwachsen werden, die mir so gut gefällt, dass ich sie zitiere:

„Aber ich finde, dass Leute, die irgendeinen Teil wegschmeißen müssen, (…) die zum Beispiel sagen, ja, ich habe auch mal Gedichte geschrieben, aber das lasse ich jetzt mal, jetzt kommt der Ernst des Lebens, dass die eigentlich noch nicht erwachsen geworden sind. Sie haben Nabelschnüre abgeschnitten, aber das macht noch keinen Erwachsenen im Sinne eines allseitig ausgebildeten Individuums aus ihnen. Das bürgerliche Bildungsideal (…) ist erst erreicht, wenn diese (kindliche) Faszination (…) ihren Platz findet in meinem Persönlichkeitsprofil, nicht aber, wenn sie unterdrückt oder auf ein Hobbygleis geschoben wird. Die Herausforderung besteht darin, etwas zu finden, das diese Faszination integriert und mich gleichzeitig mit anderen sozialisiert. (…).“ S. 32/33.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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