Hello and good bye!

Jetzt ist es also soweit, der letzte Band von Armistead Maupins „Stadtgeschichten“ steht zur Ausleihe im Regal meiner Lieblingsbibliothek bereit. Zeit zur Melancholie bleibt kaum, denn wie jedes von Maupins Büchern zieht auch „The Days of Anna Madrigal“ an und los. Kaum habe ich die erste Seite aufgeschlagen, bin ich wieder in San Francisco, diesmal im San Francisco der Jetztzeit, von wo es zurück ins Nevada der 1930er Jahre geht in die schlimme Zeit der amerikanischen Depression, und wieder vor und zurück, wie in einem Kaleidoskop, das von Anna selbst geschüttelt wird, und in dem ihr Leben in einzelnen Momenten aufleuchtet.

Anna, wer die „Stadtgeschichten“ kennt, weiß es schon, hieß als Kind Andy und ist, als sie auf der ersten Seite versucht, eine Kerze gegen die aufkommende Herbstdämmerung anzuzünden, d.h. vergeblich versucht, diese Kerze anzuzünden, 92 Jahre alt. Das Thema ist damit gegeben: Abschied. Abschied einer echten Lady, einer unkonventionellen, Canabis züchtenden, ihr Haus an junge Leute vermietenden und großherzigen Person, die mir, als ich die Geschichten in den 1990er Jahren entdeckte, sofort zur tröstenden Wahlmama wurde, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch nie (zumindest nicht bewusst) eine/n Transsexuelle/n gesehen, gesprochen oder ins Herz geschlossen hatte.

Maupins Bücher waren da schon Zeitgeschichtsbücher, denn in den 1970er Jahren begonnen, schilderten sie quasi Woche für Woche (die Kapitel erschienen als Serie im San Francisco Cronicle – tatsächlich ist die Entstehungsgeschichte etwas komplizierter. Genau nachzulesen bei Wikipedia) aus der damaligen kalifornischen Hippiehochburg. Die Zeit war politisch, aber auch was den modernen Lebensstil angeht, enorm vital, die Emanzipation von Schwulen und Lesben startete unter anderem an der Pazifikküste, die Emanzipation junger karrierewilliger Frauen (einmal mehr) und die Emanzipation junger gefühlsbegabter Männer. Die Welt war bunt, gefährlich, laut, gemein und manchmal einfach nur schön. Erfolge, Euphorien und Abstürze lagen so nah beieinander und wurden oft genug von Anna Madrigal begleitet, dass sie den Figuren in den Büchern aber vor allem den Leser/innen eine gute Bekannte wurde.

Ich kann die letzten Tage, die offenbar Thema des letzten Bandes sind, nicht nacherzählen, denn ich habe ihn noch nicht bis zum Ende gelesen. Wenn ich ehrlich bin, klaffen auch jetzt schon riesige Verständnislücken, denn mein Englisch ist auf dem Stand einer mittelmäßigen Schülerin – allerdings hatte ich auch mit den Übersetzungen Schwierigkeiten: Das schwul-lesbische Leben in Kalifornien hat gelegentlich seinen eigene Sprache. Aber das macht nichts, denn vom ersten Satz an umfängt mich wieder diese Gelassenheit, die Maupins Geschichten ausstrahlen und einen wenigstens während der Lektüre in einen Mantel der Unbesiegbarkeit (keineswegs der Unverwundbarkeit) hüllen.

„How do you know they were deeply in love? – They had better have been.“ Ein Fazit nach einem langen, erfüllten Leben. Also zacki zacki, schließlich sind alle Tage gezählt.

Armistead Maupin, The Days of Anna Madrigal, New York 2014.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 30. Juni 2015

    Hej, ja, das ist ein großes Vergnügen, wenn man Lust auf Unterhaltungsliteratur hat. Den ersten Bänden sieht man an, dass sie als Serie nicht nur konzipiert, sondern auch geschrieben sind. Fast am Ende jedes Kapitel gibt es einen hangover, Und alle Kapitel sind quasi gleich lang, eben weil. Ich glaube, die letzten drei Bücher sind dann als solche auch geschrieben. Allerdings behält Maurin seinen Erzählstil weitgehend bei. Aber neben dem Vergnügen und dem hautnahen Erleben des kalifornischen Lifestyles der Zeit ist es vor allem dieser warme, enorm freundliche Grundton, der mir gefallen hat. Und dir möglicherweise auch.

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  2. Avatar von dirkheld

    dirkheld 1. Juli 2015

    Vielen Dank für deine Lektüre dieses philosophischen Dialogs. Für mich hat allerdings bereits der Titel des Werks etwas beängstigend Summarisches. Ein Pendant zum literarischen Kanon? Die philosophische Hintertreppe ist mir da sympathischer. Interessant finde ich die Frage nach den Voraussetzungen für ein Gedankengebäude. Wenn die Herren im Gespräch entwickeln und herausarbeiten können, wann ein Gedanke reif dafür ist, in ein System überführt zu werden, das wäre doch was.

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  3. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 2. Juli 2015

    Lieber Dirk, ganz offensichtlich ist dir der Klunker verrutscht. Is ja auch verwirrend, wenn ich plötzlich englisch tituliere… Danke trotzdem! „Beängstigend summarisch“ ist eine äußerst treffende Beschreibung, aber vielleicht zeigt dieser Buchtitel auch sehr genau, worauf man sich einlässt.

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