Vernachlässigte Kunst

Das mögen sich Entscheider und Beauftragte meist anders vorgestellt haben. Ein Kunstwerk an eine Stadt oder eine Firmensammlung zu verkaufen, ist – wie man meinen möchte – eine Win-Win-Situation. Die Künstler/innen hoffen auf Aufmerksamkeit, die Ankäufer auf Prestige. In westdeutschen Groß- und Kleinstädten, in Provinznestern, gelegentlich auch in Dörfern war der Bedarf groß nach dem Krieg. Das neu Aufgebaute sollte schön sein, modern und vor allem kultiviert. Keine Kaisereichen, keine Heldenstelen, keine Kriegerdenkmäler, chic, sauber, international war meist die Devise, die Einkäufe wie überall: Glücksgriffe, Must-Haves, Schnäppchen.

Was viele nicht bedacht haben: Ein Kunsteinkauf muss finanziert sein. Eine Skulptur ist zwar kein Hund, d.h. sie frisst nix, muss nicht zum Arzt und braucht kein Halsband. Aber sie kostet eben doch nach dem Erwerb weiter. Sie bröckelt oder wird mutwillig beschädigt, sie braucht ein Umfeld, auf dem sie sichtbar bleibt (also irgendeiner sollte schon den Rasen mähen), sie muss dokumentiert und regelmäßig begutachtet werden. Ähnliches gilt für Indoor-Kunst. Grafiken zum Beispiel gammeln in Höchstgeschwindigkeit, sobald sie Licht oder Feuchtigkeit ausgesetzt sind. Vernachlässigung tut auch der Kunst nicht gut. Gekauft wird natürlich weiter: was vorne fotogen glänzt, zerbröselt zwischen Hecken und in Hinterzimmern ohne Publikum. Nicht dass ich etwas gegen Ruinen hätte. Dieser Brunnen zum Beispiel wurde in den 1980er Jahren errichtet. Wasser läuft heute nur noch, wenn es regnet. Dabei geht es nicht mal um den Wert des Kunstwerks. Es sieht – wie viele seiner Kollegen – aus wie ein Denkmal für den Spruch „bestellt und nicht abgeholt“, wobei die Abholer das Publikum wäre, das beim Kauf wahrscheinlich nur als Statisten für die Einweihungsparty mitgedacht wurde. Wie Kunst für die Öffentlichkeit sein könnte – und was falsch läuft? Oder läuft es gar nicht mal so schlecht? Am Ende stehe ich wieder da mit Fragen. Mal sehen, ob sich Antworten melden.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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