Verrat und Liebe

Es gibt Autoren und Autorinnen, die Bücher für Erwachsene und für Kinder schreiben. Joyce Carol Oates ist dafür bekannt, Henning Mankell, Paula Fox ist mir die liebste, Amos Oz möchte ich heute vorstellen. 1978 ist von ihm das Buch „Sumchi“ erschienen, zunächst in Israel, Anfang der 1990er Jahre in deutscher Übersetzung, mein Taschenbuchexemplar aus dem Rowohlt-Verlag stammt von 1997 – in der Übersetzung von Mirjam Pressler.

Empfohlen ab 10 ist die „wahre Geschichte“ die Amos Oz aus der Ich-Perspektive erzählt, für Kinder von der ersten Seite an eine ziemliche Überforderung, was mir von der ersten Seite an gleich am besten gefällt. „Über Veränderung“ heißt es da, von der angekündigten Abenteuer- und Liebesgeschichte keine Spur, – doch eine: im allerletzten Satz. Und was dann kommt? Überschriften, die man in bittersüßen Liebesschmonzetten oder mittelmäßigen Erbauungsromanen erwartet, keinesfalls in einem Kinderbuch. „So erblüht die Liebe“ steht über dem ersten Kapitel, es folgen „Eine große, edle Seele“, „Wer wird zum Berg Gottes hinaufsteigen“, „Geld oder Leben“ und es wird zum Ende hin keineswegs besser, d.h. weniger pathetisch. Sie führen beim ersten Blättern in die Irre, doch erweisen sie sich als präzise gesetzt, sobald das Buch gelesen ist.

Die eigentliche Überforderung aber besteht in der „Kulisse“ der Geschichte, dem Jerusalem aus dem Jahr 1947. Wer von uns Erwachsenen weiß auf Anhieb, dass es die Zeit der englischen Besatzung ist? Um wieviel verwirrender mögen die Unterhaltungen von Sumchis Eltern in Kinderohren klingen, die sich über Onkel Zemach (schon die Namen!) lustig machen und als „meschugge“ titulieren, die politische Diskussion, die Sumchi mit dem Vater seiner Angebeteten führt, in der sich der Junge als Untergrundkämpfer offenbart (ist das nicht was für Erwachsene?!), während der Vater offensichtlich eine andere Auffassung vertritt (aber welche?) – und die vielen Details, zum Beispiel wenn der Lehrer die außer Rand und Band geratene Klasse mit dem Ausruf „Das Fleisch möge schweigen“ zur Disziplin zurückruft, oder wenn Sumchi gerne Rachat Lokum isst (was ist das schon wieder?) und auch noch Gewissensbisse hat, weil die Köstlichkeit aus Beirut kommt.

Die „wahre“ Geschichte, die vor diesem Hintergrund erzählt wird, verstehen Kinder sehr wohl  – meines Erachtens auch mehr von den „Kulissen“ als Erwachsene ahnen, womit ich nicht historische Fakten meine, sondern das Unübersichtliche der Welt, die Fremdheit des Selbstverständlichen darin  – egal, wo und wann man sich gerade aufhält. Die „wahre“ Geschichte ist eigentlich ein Märchen, das vom Hans im Glück, das Sumchi auf unerwartete Weise und mit anderen Pointen und Wendungen durchlebt. Dazu ist sie eine Fernwehgeschichte und eine Liebesgeschichte, von denen schon im Untertitel die Rede ist. Ein Happy End gibt es und doch wieder nicht – wer die Einleitung über die „Veränderung“ aufmerksam gelesen hat, wird sich nicht wundern.

Veränderung zum Thema einer Kindergeschichte zu machen, dieses „nichts bleibt, wie es war“, ist eine starke Entscheidung. Es wird nie alles gut, so die Botschaft, aber es geht weiter, auch wenn wir hier oder da Blessuren abbekommen. Es gibt unvermutete – und verrückter noch: unverdiente – Glücksmomente (unverdient, weil sie mit Lügen erkauft sind oder durch puren Zufall daher kommen), es gibt die Bösen, die Guten und es gibt Verräter, nicht nur der beste Freund, der sich als solcher entpuppt, sondern sogar Sumchi selbst, der seine Liebe lange genug hinter einem pöbelhaften Verhalten und aus purem Opportunismus versteckt. Verzwickt und komplex ist das alles, wie im richtigen Leben. Das für Kinder zu beschreiben, von Sprache, Witz, Lebendigkeit mal abgesehen, ist das große Verdienst von Amos Oz. Wer allerdings wissen will, wie „wahr“ die Geschichte nun ist, d.h. ob Sumchi wirklich der kleine Amos ist, wird enttäuscht, denn seinen Namen – Sumchi ist nur ein Spitzname – verrät der Erzähler bis zum Ende der Geschichte nicht.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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