Mit Schachfiguren Sinfonien schreiben

Wie viele mir wichtige Bücher sind auch die der japanischen Autorin Yoko Ogawa fast unmerklich in mein Leben gekommen. Via Überlauf. So heißen die Regale in der Amerika-Gedenk-Bibliothek, in denen zurückgegebene, aber noch nicht wieder an ihren Platz gestellte Bücher im Lesesaal landen. Ogawas Roman „Der Ringfinger“ kam auf diese Weise auf meinem Büchertisch. „Schwimmen mit Elefanten“ zog ich dann schon mit großer Vorfreude aus dem Regal. Nachdem ich wochenlang darauf gewartet hatte, den Roman endlich in den bibliothekarischen Leseumlauf gebracht zu sehen.

Die Geschichten von Ogawa sind für europäische Ohren zunächst merkwürdig abseitig. Man fühlt sich in Kuriositätensammlungen versetzt, wo Menschen fast ebenso hölzern, verwittert oder angeschlagen ihre Existenz führen wie andere Fundstücke, seien es überlieferte Geschichten oder sorgsam aufbewahrte Reliquien. Fast alle Figuren – und kaum kann man sich sicher sein, es stets mit Lebenden zu tun zu haben – weisen Verletzungen oder Verstümmelungen auf, so auch „der Junge“, dessen Kindheit wir in dem Buch vom schwimmenden Elefanten erzählt bekommen. Genauer: eine Kindheit und einen Tod als berühmten, aber in einem Schachautomaten verborgenen Menschen, der seine Genialität mit heftigsten körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen bezahlt oder vielleicht doch umgekehrt, dessen Genialität ihn dem bloßen Menschsein entkommen lässt.

Im Grunde ist die Geschichte schnell erzählt, ein Waisenjunge, der mit seinem Bruder in den beengten Verhältnissen seiner Großeltern aufwächst, und der mit dem ungewöhnlichen Kainsmal zusammengewachsener Lippen zur Welt kam, lernt bei einem dicken ausrangierten Busfahrer, der in einem alten ausrangierten Bus lebt, Schach. Der sich an süßen Kuchen zu Tode essende Busfahrer ist ein Meister des Schachspiels, er erkennt sofort die Begabung des Kindes und fördert ihn auf umspektakuläre Weise. Das Kind wächst in das Schachuniversum hinein. Nicht der kurzfristige Sieg ist Ziel, sondern die Schönheit und Eleganz der Züge. Doch nichts bleibt wie es ist. Die Idylle kippt in ungeahnte Alpträume, die leise daherkommen, einem beim Lesen aber eiskalt vor Augen stehen.

Die Realität könnte auch ganz anders sein. Auch wenn die Lektion, die mir beim Lesen von Ogawas Texten bleibt, banal erscheint, hat sie doch für meine Wahrnehmung und für mein Gefühlsleben eine ungeheure Wirkung. Vor allem die Verschränkung von Gegenwärtigem und Traum erlaubt eine Erweiterung der eigenen Existenz, die atemraubend ist. Und: Grausamkeiten beleben hier das Leben. Psychologisierungen haben keinen Platz. Heilung erst recht nicht. Es gibt nichts zu klagen. Das versteht der Junge, schon lange bevor er selbst Schachmeister ist:

„Indiras Fall (es handelt sich bei Indira um einen Elefanten, der als Jungtier auf einem Kaufhausdach als Attraktion ausgestellt wird und der, weil man den richtigen Moment verpasst, ihn in den Zoo zu bringen, sein Leben lang allein auf dem Dach steht, denn er ist zu groß geworden, um noch in den Aufzug zu passen) hatte ihn (den Jungen) gelehrt, dass es kein besonderes Vergnügen war, unabänderliche Dinge zu hinterfragen. Was wäre wenn? Wieso hat man dich nicht eher in den Zoo gebracht? (…) In dem Moment, in dem man weiß, dass die Situation nicht zu ändern ist, sind solche Fragen überflüssig, denn sie führen dem Betroffenen bloß seine traurige Situation vor Augen. Deshalb zügelte der Junge seine Neugier und verkniff sich die Frage. Seine Lippen blieben versiegelt wie damals bei seiner Geburt.“

Kein Leben, auch das eines ausgefuchsten Meisters, beschränkt sich aufs Schachspiel. Wir sehen dem Jungen beim Erwachsenwerden zu, das (wie zu erwarten) nicht besonders herkömmlich verläuft. Das Kind wächst ab seinem 11 Lebensjahr nicht mehr (eine wichtige Voraussetzung dafür, später überhaupt in den Automaten zu passen), er verpatzt eine Meisterschaft und muss seinen Lebensunterhalt in windigen Etablissements verdienen.

Was das mit Musik zu tun hat? In seiner Lehrzeit schenkt der Meister dem Jungen ein Notizheft. Doch statt Linien oder Karos sind leere, durchnummerierte Tabellen auf die Seiten gedruckt. Es ist, wie der Meister erklärt, ein Notationsheft.

„Die Aufzeichnung einer Partie nennt man (…) Notation. Dadurch lässt sich jedes Spiel jederzeit wiederholen, denn es wird nicht nur das Resultat, sondern jeder Zug protokolliert. So bekommt man durch die Bewegungsmuster ein leibhaftiges Bild der Partie und weiß um die Eleganz, die Raffinesse oder die Souveränität der beiden Kontrahenten. Selbst wenn diese bereits gestorben sind. Eine Notation überlebt jeden Schachspieler, und für jeden Schachspieler ist die Notation ein notwendiger Beweis seiner Existenz.“

Yoko Ogawa, Schwimmen mit Elefanten, Berlin 2014 (Tokio 2009).

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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