Ein Mann ohne Tagebuch sei wie eine Frau ohne Spiegel, notierte der junge Gottfried Keller. Von beidem – Tagebüchern und Frauen – hatte er da noch wenig Ahnung, fünf Jahre später zumindest hatte er noch kein Diarium angefangen. Warum schreiben Menschen Tagebuch, andere nicht? Oder warum schreiben manche gelegentlich Tagebuch, andere strikt, wieder andere in der Schwundform hin stenografierter Stichwörter? Die eigenen Gedanken auf einem leeren Blatt Papier zu spiegeln, hilft, sich selbst zu verstehen, sich gelegentlich auch auf die Schliche zu kommen. Man kann Luftschlösser bauen, verpasste Chancen rekonstruieren, Siege feiern, Niederlagen betrauern. Man kann herausfinden, was wirklich wichtig ist im eigenen Leben. Umgekehrt: Ein Tagebuch zu lesen, ist oft ein großer Gewinn. Weil es scheint, dass man mitatmet, mitfiebert, mitleidet in der Haut eines anderen Menschen, der in den meisten Fällen schon tot ist und in Zeiten seinen Mann oder seine Frau gestanden hat, die längst in den Geschichtsbüchern stehen. Tagebücher sind Zeitkapseln. Soviel ist klar. Welche Zeiten durchmessen werden, wie viele Leser sich später durch die notierten Lebenslabyrinthe bewegen – verirren gar – bleibt offen. Vielleicht sind Tagebücher, noch unmittelbarer als Literatur, eine Möglichkeit, sich über Generationen hinweg die Hände zu reichen.
