„Wasser ist etwas, das du nicht halten kannst. Wie Männer. Ich habe es versucht. Vater, Bruder, Geliebter, wahre Freunde, hungrige Geister und Gott – alle haben sich meinen Händen entzogen, einer nach dem anderen.“
So beginnt Anne Carsons Buch „Anthropologie des Wassers“, eine Lektüre, die seit Wochen auf meiner Bibliotheksbestellliste ganz oben stand. Ein verheißungsvoller Satz, der mich gleich wieder beim Lesen innehalten ließ und mir Bilder – nein, nicht von verloren gegangenen Männern, sondern von mir im Wasser – in die Erinnerungsabteilung meines Gehirns (meines Herzens?) schickte.
Wasser ist die früheste Sehnsucht meines Lebens. Es gibt einen kleinen Film, den mein Vater von mir an einem Nordseestrand gemacht hat. Strahlend, aufgeregt stolpere ich (von Laufen kann da noch nicht die Rede sein) auf die anrollenden Wellen zu, egal wie oft mich meine Mutter packt, auf den hohen weichen Sand zurückholt, extra mit dem Gesichtchen ins Land gewendet und nicht zur See. Ich habe im Salzwasser Schwimmen gelernt, vielleicht bin ich deshalb für Süßwasser (erst recht für Schwimmbäder) nicht zu haben.
Im Wasser kann man nichts halten, auch nicht sich selbst. Wer sich nicht aufs Treibenlassen verlegt, wird schnell untergehen, denn gegen das Wasser kommt kein Mensch an. Sich dem Wasser anzuvertrauen, heißt, Verwandlungen durchzumachen. Sind nicht auch unseres frühesten Vorfahren Fische? Im Wasser bin ich jemand, der nicht zu halten ist. Vielleicht sollte ich das auch mal an Land versuchen.

papiertänzerin 14. Februar 2015
… oh ja, bitte versuchen!
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