Dass Reisen bildet,

glauben wir gerne. Dass diese Bildung in früheren Zeiten gerne während der Überfahrten oder anderweitiger Anfahrten angelesen wurde, mag uns heute erstaunen. Sorgfältig stellten die Weltenbummler und Forscher ihre Bücherkisten zusammen, hier wurde noch schnell Russisch gelernt, dort die Grundlagen der Botanik, Darwin hatte unter vielen anderen Büchern die 60 Bände des „Dictionnaire des sciences naturelles“ dabei und die Bibel. Adelbert von Chamisso las Goethe, wie er uns in seinem Reisetagebuch wissen lässt:

„Ich finde in einem Briefe, den ich aus Brasilien nach Berlin schrieb, eine Entdeckung verzeichnet, die kaum in eine Reisebeschreibung gehören mag, die ich jedoch hier einbuchen will, weil es mir neckisch vorkommt, daß grade ein geborener Franzose um die Welt reisen mußte, um sie fernher den Deutschen zu verkünden. Ich habe nämlich auf der Fahrt nach Brasilien in der »Braut von Korinth«, einem der vollendetsten Gedichte Goethes, einem der Juwelen der deutschen und europäischen Literatur, entdeckt, daß der vierte Vers der vierten Strophe einen Fuß zuviel hat!

Daß er angekleidet sich aufs Bette legt.

Ich habe seither keinen Deutschen, weder Dichter noch Kritiker, angetroffen, der selbst die Entdeckung gemacht hätte; ich habe Kommentare über die »Braut von Korinth«, vergötternde und schimpfende, gelesen und darin keine Bemerkung über den angeführten überzähligen Fuß gefunden. – Die Deutschen geben sich oft so viel Mühe, von Dingen zu reden, die sie sich zu studieren so wenig Mühe geben! – Ich halte die Entdeckung noch für neu.“ (Das war knapp 20 Jahre nach seiner Rückkehr, 1836).

Warum ich das aufschreibe? Weil er heute Geburtstag hat: Adelbert von Chamisso. Wer hatte da neulich nach meinen Vorbildern gefragt? Im Januar waren eine Menge von ihnen zu beglückwünschen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Herr von Chamisso!

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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