Antikensehnsucht

hatte ich bislang noch nie. Aber was nicht ist, kann ja eines Tages doch mal vorbeikommen. Bei mir in Gestalt (jaja, die Göttinnen und Götter verwandeln sich nach Gutdünken = erste Lektion der Antikenreise) von Homers Odyssee in der Übersetzung von Kurt Steinmann (Manesse, 2007/2011). Keine Ahnung, wo der Anfang lag, die Schlinge, die zuzog, kaum dass ich die ersten Zeilen gelesen, und mich in eine Sehnsucht riss, die nicht zu stillen ist, denn bekanntlich ist die Antike längst vorbei. Waren es die rosigen Finger Eos‘, mit denen sie den Horizont betastet um es Tag werden zu lassen, die schimmernden (!) Füße des Odysseus, unter die sich der Held die schönen Sandalen bindet (Ah, diese stets schönen Sandalen! Dauernd werden sie von gutaussehenden Menschen und Gött/innen angelegt – anziehen, wer käme auf solch banale Idee!? – von Athene zum Beispiel, der funkeläugigen: „sprach’s und band sich unter die Füße die schönen Sandalen, / göttliche, goldene, die sie trugen über die Feuchte / und das unendliche Land…“) oder doch gleich Wolkenballer Zeus, der seine erwachsene Tochter Athene mit geschliffener Etikette nachfragt: „Welch ein Wort, mein Kind, entschlüpfte dem Zaun deiner Zähne?“ Ja, also befallen bin ich seitdem, und nichts sehnlicher wünsche ich mir, als Athene an meiner Seite, die – und das war das Unglaublichste, was ich bislang gelesen habe – müde Helden mit Anmut übergießt, damit sie wieder ansehnlich werden, „größer anzusehen und strammer“.

Das Foto hat vor der Hand nichts mit alledem zu tun. Ich dachte wage an Antennen, die den Berliner Himmel nach göttlichen Fußspuren abscannen. Doch dann las ich, dass Athene, die ich so sehr herbeisehne, unter vielem anderen die Schutzgöttin der Spinnerinnen gilt. Auch das ist ein weiter Wort-Bild-Sprung, aber der gefällt mir.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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