nasse Steine

Tim Ingolds Buch „Being Alive, Essays on Movement, Knowledge and Description“ von 2011 fängt ungewöhnlich an, denn der Autor bittet uns vor dem Lesen des ersten Kapitels einen Stein unter Wasser zu halten und für die Lektüre vor uns zu legen. Hä!? Was soll das denn werden? dachte ich. Fing an zu lesen (natürlich ohne Stein) und plötzlich fiel mir etwas aus meiner Kindheit wieder ein, eine Szene, in der ich und meine Freundin Kiesel lackierten, um…? Na? Nass zeigen die Steine ihre Strukturen viel deutlicher als im trockenen Zustand. Sie sehen wie Landkarten aus nie gekannter Planeten. Jeder noch so unscheinbare Stein ist plötzlich eine Besonderheit, mit einer einzigartigen Oberfläche. Zumindest so lange, bis er wieder trocken ist. Deshalb der Lack. Wir waren ja durchaus clevere Kinder. Dass mir die Steine nachher gar nicht so gefallen haben, weil ihre Nässe „künstlich“ war, ist ein anderes Kapitel.

Tim Ingold schließt sein Kapitel mit der Feststellung „The surface of materiality is an illusion.“ Es gebe keine Welt der festen Tatsachen, sondern eine Art Mischung, Zersetzung, Gerinnung Verschiebung, eine Umgebung, die sich dauernd wandelt, entsteht und vergeht, so wie die Oberfläche der Erde nicht fest ist, sondern eine zerbrechliche Schale einer, wie er es nennt „fruchtbaren Bewegung“.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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