Bachs Töchter

Es gab sie, keine Frage. Von den 20 Kindern Johann Sebastian Bachs waren neun weiblichen Geschlechts. Vier davon überlebten die Kindheit. Doch ist von ihnen kaum mehr bekannt als das jeweilige Geburts- und Sterbedatum. Ihre Namen waren Regina, Friederica, Johanna, Catharina, Juliana, Dorothea, Sophia, Maria, Elisabeth in je unterschiedlichen Kombinationen. Stets bekamen sie zwei Vornamen, nur Elisabeth Juliana Friederica macht eine Ausnahme, wie sie auch später die einzige blieb, die einen Schüler ihres Vaters heiratete, und gut versorgt als Organistengattin nach Naumburg zog. Von den Söhnen Bachs überlebten sechs die Kindheit. Vier davon wurden Komponisten. Eine Musikerfamilie!

Dabei hatte es einen wirklich vielversprechenden Moment gegeben, als Bach seine zweite Frau heiratete, die Sopranistin Anna Magdalena, geborene Wilcke. Zwei Jahre leben sie danach noch am Köthener Hof, beide – und das war eine damals fast sensationelle Ausnahme – berufstätig. Als es nach Leipzig geht, ist es mit dem Doppelverdienst vorbei. Und mit der Karriere von Anna Magdalena. Denn in Leipzig hat gerade das Opernhaus geschlossen. Und in der Kirchenmusik sind Frauen nicht zugelassen. Frau Bach singt noch gelegentlich bei privaten Konzerten. Das musikalische Talent ihrer Töchter? Kaum zu glauben, dass es nicht vorhanden war  – in einer Musikerfamilie! Die Reginas, Catharinas, Johannas mögen gesungen haben, wie ihre Mutter, vielleicht lernten sie, auf dem Clavicord zu spielen (auch das hätte die Mutter ihnen beibringen können), oder Noten des Vaters abzuschreiben – Abschreiben, eine so wichtige Übung im Komponieren… Ach, hätte es damals wenigstens schon Kassettenrekorder gegeben – und ein experimentierfreudiges Bachkind, das hier und da den akustischen Alltag der Familie aufgezeichnet hätte. Wahrscheinlich wäre viel Unspektakuläres, Belangloses auf dem Band gespeichert, kleine Streitereien, Gekicher, von Musik Bruchstücke nur (und so leise, schließlich stand noch kein Konzertflügel in der guten Stube), aber vielleicht dann doch ein gemeinsamer musikalischer (Feier-)Abend oder sogar ein Hauskonzert und darin die Stimmen der Mädchen. Das Foto ist auf der Rückreise von Leipzig nach Berlin entstanden. Ein Lichterfest, so flüchtig wie das Leben von Bachs Töchtern.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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