„Ich hasse es aus ganzem Herzen, eine Frau zu sein“, schreibt sie vor ihrer zweiten Reise nach Afrika im Dezember 1895. Mary Kingsley war da jedoch nicht mehr nur Frau, sondern auch Waise und unverheiratet (das hatte sie ihren Eltern abgerungen), was sie vor einem klassischen Frauenleben ihrer Zeitgenossinnen – strickend und putzend bis ans Lebensende – bewahrte. Denn ihr Vater war Leibarzt des Earl of Pembroke gewesen und hatte ihr ein ordentliches Vermögen hinterlassen. Was sie als Dreißigjährige allerlei Konventionen enthob, und sie dafür entschädigte, dass eben dieser Vater ihr früher nicht mal eine Schulbildung hatte zukommen lassen (sie war in allem Autodidaktin, zum Glück besaß der Vater eine umfangreiche Bibliothek).
Sie reist mit Handtasche, Stiefeletten, Blusen, einer gehörigen Menge Chinintabletten, Wörterbuch, Hut und Sonnenschirm. Das Britische Museum unterstützt sie großzügig, wer die erste Reise ins Malariagebiet unbeschadet überstanden hatte, kann schließlich wichtige Exponate liefern. Tatsächlich bringt sie Süßwasserfische aus dem Kongo und dem Ogowe nach England, die dort kein Wissenschaftler kennt. War sie bis zum Erreichen der Flüsse noch auf bekannten Pfaden gereist, betritt sie nun ein Europäern noch unbekanntes Land. Sie fährt – und darauf ist sie stolz – mit langem Wollrock Kanu und sieht Dinge, die es wert sind, gesehen zu werden, wie sie schreibt. Sie reist übrigens ohne Waffen, obwohl sie sich der Gefahr, schutzlos in fremdem Territorium unterwegs zu sein, bewusst ist. Mit dem kannibalischen Volk der Fang lebt sie eine Weile. Ihre Wertschätzung der indigenen afrikanischen Menschen begründet und wiederholt sie in ihren Publikationen ausdrücklich (hier kommt es auch zu dem Kaninchen-Zitat, gegen das Vorurteil, Schwarze seien unterentwickelte Weiße). Während ihrer dritten Reise stirbt sie, nicht wie von ungefragten Männern vorhergesagt an Fieber, sondern an Typhus in einem Kriegsgefangenenlager in Simonstown bei Kapstadt, wo sie als Krankenschwester aushilft. Sie hatte acht Jahre in Freiheit gelebt und Frauen ihres Landes gezeigt, dass eine Existenz auch jenseits des Putzeimers möglich ist. Herzlichen Glückwunsch, Mary Kingsley! Insekten brachte sie ebenfalls mit von ihren Expeditionen. Die auf dem Foto sind allerdings nicht aus dem British Museum, sondern aus dem Berliner Museum für Naturkunde.

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