Grau, Fortsetzung

Die Alte Nationalgalerie in Berlin besitzt drei Gemälde von Paul Cézanne, von denen zwei zur Zeit in der öffentlichen Sammlung zu sehen sind. Zwei Stillleben, ein frühes (aktuell links in der Ausstellung), das Cézanne als jungen Wilden zeigt (allein wie die Schatten dort ihr Eigenleben pflegen!), ein späteres (von Experten auf 1880/1890 datiert, das Cézanne also zwischen vierzig und fünfzig gemalt haben mag – Ende des Schattentheaters).

Cézanne malte, wie man im sehr guten Katalogbeitrag von Claude Keisch nachlesen kann, hauptsächlich Stillleben. 200 sind überliefert, Klunker des Alltags, die sich die Käufer in die gute Stube gehängt hätten, wären sie je fertig geworden. Tatsächlich blieben sie meist im Atelier, mit dem „Gesicht“ zur Wand, oder irgendwo nachlässig angetackert, wie eine Fotografie für das linke Bild belegt.

Und jetzt kommt die Malerin Mathilde Vollmoeller zu Wort, eine Freundin von Rainer Maria Rilke. Ihr hatte der Dichter im Pariser Salon d’Automne seine Beobachtungen zu Cézannes Grautönen vorgetragen und sie hatte – widersprochen! Denn als er die Bemerkung macht, nichts eigentlich Graues sei in Cézannes Bildern, ein Eindruck, den er beim Betrachten der Details gewonnen hatte, stürzt sie nicht geradezu vor die Leinwände, sondern bleibt auf einige Entfernung stehen und sagt etwas ebenso Wahres: „wie sehr doch, wenn man mitten unter ihnen (steht), ein weiches und mildes Grau als Atmosphäre von ihnen (ausgeht…)“ Die Wand hinter den Berliner Bildern ist übrigens auch nicht grau, sondern zart violett. Es ist wie immer: Wer es sehen will, muss hingehen.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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