Mit diesem spektakulären Sonnenuntergang hat sich der Sommer aus Berlin verabschiedet. Ich bin, wie jedes Jahr, melancholisch.
Verpasst
Das ist vielleicht der traurigste Moment beim Wegräumen eines vergangenen Lebens, wenn man Dinge findet, die man nie gesehen hat, von denen man nichts wusste, und über die man niemanden mehr fragen kann. Der kleine Elefant gehört dazu. Mein Vater hat ihn 1990 gemacht. Da war ich seit einem Jahr in Berlin. Zwischen uns herrschte eisige Funkstille. Er war sauer, dass ich ihn und meine Mutter „verlassen“ hatte, ich war wütend, dass er so überhaupt denken konnte. Zumal ich gar nicht so frisch und abenteuerlustig das Rheinland verlassen hatte. Mir war halt nur klar geworden, dass es irgendwann nicht mehr passt, noch zu Hause zu leben. Und dass meine Eltern mir zu wenig zutrauten, so dass ich dringend alleine zurecht kommen musste.
Über diese Zeit wurde auch später nie mehr ein Wort verloren. In meiner Erinnerung sind da ausschließlich Ärger, Enttäuschung und das Gefühl, völlig allein gelassen worden zu sein. Denn natürlich hatte ich Heimweh. Natürlich wusste ich vieles nicht und war ängstlich und was nicht alles. Kam ich Weihnachten nach Hause, gab es Vorwürfe und Beleidigungen. Ein Austausch, oder die simple Frage: Was macht Ihr? war nicht möglich. Und dann dieser Elefant.
Ich habe geheult, als ich ihn gefunden habe. Eine Handvoll Traurigkeit, wie mir scheint. Ein einziges Wort oder einfach mal, schade, dass du nicht mehr da bist.
Ich verstehe, dass ich meinen Vater oft missverstanden habe. Nein. Ich konnte nicht anders. Er hat jahrelang nur geschrieen oder geschwiegen. Ich kam nicht an ihn ran. Erst in seinen letzten Monaten in Berlin habe ich überhaupt begriffen, dass er gar nicht über sich reden konnte. Was mich wirklich schockiert hat. Und jetzt steht da der kleine Elefant. Ich bin froh, dass er da ist.
Wegweiser
Immer wieder lese ich, wie wichtig Vorbilder im Leben sind. Und immer wieder lautete mein Befund: ich hatte kaum welche. Und plötzlich taucht einer auf.
Im Juni habe ich bei einer Ausstellungseröffnung Kaspar König gesehen. Ein stattlicher alter Herr, immer noch schön, immer noch jemand, der im Gewusel auffällt. Wer aus Köln kommt, kennt den Namen König. Der Bruder hat den Buchladen einst dort im Museum Ludwig eröffnet, heute trifft man ihn (also den Laden…) in vielen großen und kleinen Museen.
Kaspar König habe ich damals nie gesehen. Dennoch war er für mich von größter Bedeutung. Denn er hat 1981 in den Kölner Messehallen eine spektakuläre Ausstellung gemacht: „Westkunst“. Ich war 17. Und wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Ausstellung moderner Kunst. Es war wie eine Befreiung.
Es gab also Dinge, die mehr waren, als das, wozu sie gebraucht werden. Es gab Farben. Formen. Durcheinander. Spinnereien. Scheitern. Glücksgefühle. Bekloppte (und weniger bekloppte) Ideen. Viele Fragen. Noch mehr Fragen. Möglichkeiten, die Welt zu sehen. Oder sich selbst. Ja, sich selbst. Es gab ein Publikum. Also offensichtlich Leute (erwachsene), die das ernst nahmen.
Diese Ausstellung wurde für mich zur Initialzündung. Nicht, dass groß was passiert wäre. Ich lebte in einer enorm engen Realität. Es überrascht mich heute noch, dass ich überhaupt den Katalog kaufte (er liegt gerade vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe ihn immer bei mir gehabt).
Drei Jahre später gab es noch eine große Ausstellung in Köln. „Von hier aus“. Wieder war König mit dabei, wieder war ich geflascht. Diesmal 20 und gerade neu eingeschriebene Kunstgeschichts-Studentin in Bonn. Das Gefühl der Freiheit war dasselbe wie drei Jahre zuvor, auch wenn ich wegen krasser Menstruationsschmerzen den ganzen Ausstellungstag eigentlich nur unter einer Installation von Nam June Paik lag. Aber eben: auch das war Freiheit: sich auf eins von hunderten Exponaten in einer Ausstellung zu konzentrieren.
Kaspar König ist Anfang des Monats gestorben. Als ich ihn in Berlin sah, war mir noch gar nicht klar, was ich ihm verdanke. Als ich vorgestern kurz vor der Abfahrt nach Berlin noch das Museum Ludwig besuchte, wo er jahrelang Direktor war, konnte ich in der aktuellen Neupräsentation der Sammlung seinen Geist noch einmal spüren. Das war ein tolles Erlebnis. Dass es eben doch Dinge gab, die mich nach vorne brachten, die mir eine Richtung vorgegeben haben, als ich in der Enge meiner Herkunft zu ersticken drohte. Und dass die damaligen Anschaffungen groß genug waren, mit heutiger Kunst prächtig im Nebeneinander zu stehen, bzw. hängen. Kunst nämlich wird gar nicht alt. Sie bleibt relevant und entfaltet sich immer wieder neu. Vielleicht ja auch ein Motto für alternde Menschen: Facetten zeigen, statt Falten zählen…
Alleine verreisen
Eigentlich wollte ich wissen, ob ich jetzt Angst bekomme, weil ich im Dezember alleine ans Meer fahre oder ob ich im Gegenteil eher gespannt bin, weil es ein Abenteuer sein könnte und kein Beweis für irgendwelche sozialen Defizite. Aber jetzt spinnt hier alles. Und ich will nur mal schauen, ob ich meine Klunker noch für alle sichtbar machen kann. Also nicht wundern. Aber gerne mal zurückschreiben (falls die Veröffentlichung klappt), ob Ihr alleine verreist. Oder ob Euch das eher Angst macht…
Ein neues Leben beginnen
Wer von einem neuen Leben träumt, mag sich nach einem Kurswechsel, einem Umzug oder einer sonstigen Neuausrichtung sehnen. Ich gebe zu, auch schon an radikale Entscheidungen gedacht zu haben. Zum Beispiel an den Umzug in eine andere Stadt, wenn möglich ins Ausland, um noch einmal von vorne zu beginnen. Und alle möglichen Entscheidungen bewusst und bedacht noch einmal zu treffen. Aber dann kam mir die Sache doch immer zu gewollt vor. Ein Neuanfang, dachte ich, kann doch auch hier und jetzt und sofort gelingen, nur war mir nicht klar, wie eigentlich.
Im März ist mein Vater gestorben. Seitdem habe ich keine Eltern mehr. Die Traurigkeit ist noch da. Aber es ist auch etwas Neues dazu gekommen. Das Sterben meines Vaters war für mich sehr eindrücklich. „So ist das also“, dachte ich oft, es waren viele kleine Abschiede, aber keine Katastrophen. Seitdem hat der Tod hat für mich eingiges von seinem abstrakten Schrecken verloren. Mein eigenes Sterben kann ich mir jetzt vorstellen.
Das macht einen Unterschied. Ich würde tatsächlich sagen, diese Vorstellung ist der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Und diesmal habe ich den Eindruck, an der Schwelle eines neuen Lebens zu stehen. Dinge klären sich. Es ist, wie wenn mich die Erfahrungen, die ich ich bislang gemacht habe, tragen. Naja, zumindest auf eine Art halten. Das ist kaum Überblick oder Durchblick, ich würde es eher Einsicht nennen.
Tatsächlich ist es auch kein neues Leben mit neuen Zielen oder Ansprüchen. Es ist eher, als wenn die Luft um mich herum anders ist, prickelnder, klarer. Es geht gar nicht mal darum, ein besseres Leben zu haben. Einfach das, was da ist, kompromissloser zu leben. Ohne Selbstmitleid.
Ob das wirklich so geht. Nur weil ich meinen toten Vater gesehen habe? Aber es war da etwas, was ich kaum beschreiben kann. So wie wenn ein Stab weitergereicht wird. Oder wie wenn etwas durch den Tod erst geweckt wird. Hoffe ich mal, dass es nicht nur eine Flause ist, sondern ein Funke für die Zukunft.
Unten anfangen
Wenn ich sehr erschöpft bin, weit und breit aber kein Urlaub in Sicht ist, ziehe ich die Bremse. Das ist gar nicht so einfach, weil mein Kopf denkt: „Wenn ich nur schnell genug hier durch bin, ist alles schon wieder vorbei.“ Aber rasen funktioniert nicht. Funktioniert nie. Ich muss stehen bleiben. Und dann am Besten in die Knie gehen, um mir alles mal von unten anzuschauen. Quasi die Basis betrachten, und von da aus nach den Bruchstellen schauen. Das kann blöderweise alles sein, deshalb gilt es, eine Weile in der Hocke zu bleiben.
Am Sonntag war ich seit langem mal wieder auf dem Tempelhofer Feld und habe dort eine Runde gedreht. Es war warm und windig wie am Meer und ich war ganz verblüfft, dass wirklich Sommer ist. Seit Wochen habe ich die Sonne nur durchs Fenster gesehen, und wenn ich von hier nach da gefahren oder gelaufen bin, war es meist zu kurz, und ich zu sehr in Gedanken, um überhaupt etwas mitzubekommen. Gestern habe ich meinen Halbjahrsgeburtstag gefeiert (nur so für mich, abends am offenen Fenster) und mir fest vorgenommen, nächstes Jahr eine Party zu machen (statt immer nur zu jammern, dass es im Januar zu kalt für Gartenpartys ist). Und heute habe ich Handwerker bestellt, seit mein Vater gestorben ist, bin ich Hausbesitzerin, eine ungewohnte und bislang eher belastende Rolle, in die ich noch reinwachsen muss.
Von da aus geht es weiter: Zettel mit Erinnerungen drauf, Telefonnummern, Adressen, To-Do-Listen. Hier liegen Aufgaben, über die ich hinwegsehe, wenn ich mich nur auf meinen Beruf konzentriere. Aber hier liegt mein Leben. Und hier komme ich endlich auf den Boden der Tatsachen. Ich bin 60 und wenn ich immer nur weiter arbeite, wird es in ein paar Jahren ein sehr böses Erwachen geben.
I
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Grüße von meiner Fensterbank
Vive la France!
Eine Frage
mit der ich mich heute morgen überrascht habe: Wann schaust Du Dir eigentlich Kunst an? Ich meine, klar, Bilder – mein Schreibtisch liegt oft voll damit. Wenn ich im Museum jobbe, wenn ich Rezensionen schreibe, jaja, Kunst, Kunst, Kunst.
Aber wenn ich ehrlich bin, verbringe ich in meiner Freizeit mehr Stunden damit, Bücher zu lesen, als Kunst anzuschauen. Tja. Soll das so bleiben? Schauen wir mal. Erstmal muss ich den Schreck darüber sacken lassen.
Die Schönheit der Natur
heute wollte ich eigentlich nur diese eine Schicht eines Wespennestes posten, das der Kammerjäger am Montag abgenommen hat. Samt toter Wespe. Menschen halt. Aber ich sehe schon ein, dass mein Nachbar sich nicht wohl fühlte mit der direkten Nachbarschaft am Küchenfenster. Denn Wespen sind ja nach der Brut nicht weg, wie meine Amseln, die jetzt diszipliniert brüten (natürlich nur die Amsel-Mama), ein echtes Vorbild, wenn ich gleich nebenan am Schreibtisch sitze und keine Lust habe.
Und dann stellt WordPress heute die Frage, ob und wie ich mir täglich Gedanken zur Nachhaltigkeit mache. Da bleibe ich dran hängen. Und denke: Hm. Eher nicht. Eher mache ich mir Gedanken in Richtung Sparsamkeit. Ob etwas wirklich nötig ist. Das hat schon Auswirkungen darauf, was ich kaufe, oder auch, ob ich Dinge noch einmal verwende. Bei mir heißt die Frage dann nicht: Ist das nachhaltig? Sondern: Brauche ich das wirklich oder finde ich eine andere Lösung? Es gibt auch größere Entscheidungen: (weitgehend) keine Bücher zu kaufen, sondern öffentliche Bibliotheken zu nutzen. Das tut mir zwar insofern leid, als ich gerne Buchhändler*innen unterstütze. Aber der Verzicht auf Papier (auch auf Ausdrucke für die Arbeit) ist für mich ein Punkt.
Die andere Entscheidung ist, in einer kleinen Wohnung zu leben. Nein, ich habe keine großen finanziellen Spielräume. Insofern ist das auch eine gewisse Notwendigkeit. Doch wenn ich es wirklich wollte, hätte ich vermutlich schon eine Unterkunft mit mehr Quadratmetern gefunden. Hier ist es dann die innere Stimme, die mein gelegentliches Jammern beendet, indem sie spricht: 39 Quadratmeter sind genug. Geh‘ raus, wenn es dir zu eng wird.
Das reicht so sicher noch nicht. Habt Ihr Dinge, die Ihr macht, um nachhaltiger zu leben?









