Jetzt bloß keinen Fehler machen!

Der Satz muss schon millionenfach durch meinen Kopf gegangen sein. Mal laut, mal leise, oft mehr so im Hintergrund, vielleicht kaum verständlich. Was, wenn ich mich irre? Ist seine Schwester. Aber mit Fragezeichen nicht so bohrend und drängend wie der Fehler-Satz. Heute morgen stand er mir plötzlich komplett ausbuchstabiert vor Augen. Ohne dazugehörigem Problem. Nur der Satz. Und das war ein Aha-Moment ganz besonderer Art. Denn mit einem Schlag wurde mir eine meiner wichtigsten Motivationen im Leben klar: Jetzt bloß keinen Fehler machen!

Das musste dann erst mal sacken.

Ich meine, wie soll denn so ein Leben aussehen?

Es ist klar, dass ich da schleunigst weg muss. Nicht, dass ich missverstanden werde. Es wird fortan sicher nicht meine Absicht werden, viel falsch zu machen. Das hält zu vieles auf. Und schadet möglicherweise anderen, die damit nix zu tun haben. Aber ich sollte nicht immer auf den späteren Ausgang, auf das Fehlerpotential einer Entscheidung schielen. Ich weiß es ja eh nicht. Kann eben immer auch genau anders.

Vorausdenkend handeln bedeutet nicht unbedingt, Fehler zu vermeiden. Es könnte in meinem Fall bedeuten, mehr Risiko zu wagen.

Herbst

Schon liegt Staub

Auf Deinen Lippen.

Und die Herztür knirscht,

wenn ich Deinen Raum

darin öffne.

Groß und lebendig

Standest Du vor mir

Im Garten

Bei den Rosen

Am Zaun.

Jetzt liegst du grau

In pulsierender Erinnerung.

Papierdünn.

Dass ich kaum wage,

Dich länger anzusehen.

Guilty pleasure

Ich hatte gerade einen richtigen AHA-Moment. Also eine Tür öffnete sich, wo eben noch dicke Wand – und vor allem kein Weiterkommen war. Und jetzt ist zwar alles so wie vorher, in einem anderen Licht jedoch sieht es eben nicht nur anders, sondern viel, viel besser aus.

Es gibt nämlich Phasen, in denen ich viel You-Tube schaue. Und wirklich nur Trash. Und dann denke ich, Wow. Wie blöd ist das denn? Du vertrödelst Deine kostbare Zeit. Wie kommst Du bloß dazu.

Ein Teil meiner Trash-Begeisterung bezieht sich auf queere Formate. Ich schaue mit Begeisterung Princess Charming, früher auch Prince Charming oder Charming Boys. Und dazu die Kommentare, vor allem von Annika Zion und Silvi Carlsson. Eine andere Begeisterung habe ich für chinesische Soaps.

Annika und Silvi machen gerade ein gemeinsames Vodcast übers Fan-Sein. Und Guilty Pleasures sind im ersten Gespräch Thema. Und da ging dann für mich die Tür auf. Weil die scheinbar „verschwendete“ Zeit auch einfach nur Spass sein könnte. Klar könnte ich in der Zeit die Küche putzen, die nächsten Artikel schreiben oder „Sinnvolles“ tun. Vor allem, weil ich immer wieder meine Mutter vor Augen habe, die am Ende ihres Beruflebens eigentlich nur noch vor der Glotze hing, und von da zügig in ihre Alzheimer-Erkrankung rutschte. Das ist mir so eine schlimme Erinnerung, dass ich dauernd fürchte, da auch zu enden.

Aber es kann eben auch ganz anders sein: Mir macht etwas ziemlich banales Spass. Wobei, wenn ich Silvi und Annika zuhöre, ist es manchmal vielleicht gar nicht so banal. Sondern auch ein Blick in andere Welten, zu denen ich halt nicht gehöre. Die queeren Formate zum Beispiel machen wirklich was mit mir. Ich würde mal sagen: was positives. Und chinesische Soaps spielen in einer so anderen Welt. Ich meine, da will ich nun echt nicht hin. Aber sowas gibt es.

Ich verstehe: Mein Leben kann nicht nur aus sauber abgearbeiteten Pfichten und verdienten Vergnügungen bestehen. Das ist kein gutes Leben. Das ist eine abgearbeitete To-Do-Liste. Die komischen Sachen, die ich gar nicht genau beschreiben kann, die mir das Gefühl geben, süchtig zu sein, weil ich es mir nicht anders erklären kann, sind die Hindernisse zur garantiert blütenreinen Weste. Mit der ich nie und nimmer rumlaufen möchte. Es ist das Widerständige. Das Unsichtbare. Das mich eben auch ausmacht. Vielleicht muss das so.

Selbstwahrnehmung

Im Grunde vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine Sache falsch oder zumindest nicht richtig gemacht habe. Als Resümee ist das ziemlich niederschmetternd. Klar: Die eigenen Gedanken klingen halt sehr vertraut, müssen, wie wir seit Freud wissen, aber nicht unbedingt mit der Wahrheit einher gehen.

Überall ertappe ich mich dabei, Dinge eigentlich anders anpacken zu wollen. Vor allem schneller. Denn immer schleife ich Unerledigtes mit mir rum. Aber ist das wirklich nur falsches Zeitmanagement?

Eine Sache ist mir tatsächlich verdächtig. Wenn nämlich alles darauf hinausläuft, dass ich was falsch – oder zuminstes zu spät – mache… – !?

Wie anders wäre die Ausgangslage, wenn ich denken könnte: „Vielleicht muss es so“. Ich wäre mit einem Schlag aus dieser Selbstbeschuldigung raus. Und bräuchte gar nicht mal einen anderen Schuldigen. Dinge wären, so wie sie nun mal sind, richtig. Weil ich nicht alles um mich herum wie eine fantastische Dompteurin – sogar im Schlaf – unter Kontrolle halte.

Die Terminarbeit, die ich als Freiberuflerin leiste, hat mir über die Jahrzehnte vermutlich den Blick auf eine „vernünftige“ Zeiteinteilung verstellt. Die zum Beispiel auch mit Strategien wie Abwarten, Passiviät oder dem Vorziehen anderer Aufgaben operiert.

Außerdem: „Schnell, schnell“ kann im Unbewussten auch zu einer Bockigkeit führen, mit der ich erst recht alles Mögliche vergesse, übersehe und also gar nicht mache. Bis es (fast) knallt: „Lebe schnell und gefährlich“ – ein billiger Ersatz für Fast-Rentner_innen. Im banalsten und damit schlimmsten Fall.

„Vielleicht muss es so.“ Ich erlaube mir diesen Satz ab heute. Wer weiß.

Wie heißt der überhaupt

Also ich das letzte Mal hier geschrieben habe, dass es auch Bücher gibt, die ich mag, obwohl mir die Erzählstimmen nicht so dringend sympathisch sind, wusste ich zwar, dass das stimmt, aber mir fiel kein Beispiel ein. Jetzt liegt aber gerade eins vor, bzw. neben mir, ein Buch das mir eine Freundin geschenkt hat, sie besaß kurz zwei davon, weil sie in einer schweizerischen Jury sitzt, wo das Buch gerade im Favoritenkreis gelandet ist: „Es sind nur wir“ von Martin Peichl. Das zweite ist jetzt meins.

Am Anfang hat mich eigentlich nur der Fuchs auf dem Cover interessiert. Da schaue ich doch mal rein, und ja der Fuchs, der sich als Füchsin entpuppte, kam auch gleich im ersten Satz zur Sprache. Schön, also mal weiter. Und dann hat es schon angefangen, mir zu gefallen, obwohl ich beim Lesen leicht fröstele, da schaue ich in ein Leben, das doch sehr aus den Fugen gerät. Sowas macht mir schnell Angst, denn ich halte mein eigenes Leben oft nur ganz knapp in den Fugen, da fürchte ich mich halt, wenn ich merke, wie dünn überall Wände und Dächer über Köpfen sind. Oder wie schnell sich Freundschaften verlieren können oder Liebe einfach nur zerbröselt.

Ich lese immer noch drin, obwohl der Erzähler – ich weiß wirklich nicht, wie er heißt, und ob ich unaufmersam war oder es tatsächlich noch nirgends stand – so komisch durchs Leben schlittert oder vielleicht schon in so einer Abwärtsspirale hängt, weil er vielleicht eine tödlich endende Krankheit in sich trägt oder irgendeine äußere Gefahr lauert, da spitzt sich was zu, pöbelnde Männer erst in der Straße, später mit Pferden bewaffnet im Wald, aber ganz klar ist mir nicht, ob das Träume sind oder Realität. Gut gefällt mir, dass es zwei Text-Kategorien gibt, einmal die Geschichte, wie sie so weiter erzählt wird, und dann immer wieder Einschübe mit allen Möglichen Ausgriffen auf Details, die in der Geschichte und also im Leben des Protagonisten so vorkommen.

Die Sprache gefällt mir, weil sie präzise ist, aber schlicht wie das geschilderte Alltagsleben, das, von den Schieflagen einmal abgesehen, die mir zusetzten, auch mein Leben sein könnte. Was ich da lese, kenne ich gut. Das mag ich. Das ist, wie eine Freund_in treffen. Schön einfach. Obwohl es natürlich gleichzeitig enorm vielschichtig und kompliziert ist. Ich stelle mir auch viele Fragen. Zum Beispiel, warum ich immer noch so viel so wichtig nehme. Weil in dem Buch so genau der unerschütterlich simple Alltag beschrieben ist, aus dem Leben nun mal gewebt sind. Und weil mir das doch auch so gefällt und ich das Andere, wonach ich mich oft sehne, schon beim Sehnen irgendwie zu groß finde.

Ich denke, ich werde das Buch bis zu Ende lesen. Mal sehen, ob ich es dann auch noch mag. Gerade bin ich nur froh, dass ich wieder zum Lesen komme. Ohne Bücher fühle ich mich doch manchmal sehr alleine.

Leselust

Das habe ich schon mal gemacht, und fand es schon mal eine gute Idee: Ein Heft, das alle Bücher, die auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gekommen sind, mit drei, vier Seiten samt Autor_innen vorstellt. Gefunden habe ich es in der Städtischen Bilbliothek, DER Bibliothek, wenn ihr mich fragt, der AGB in Kreuzberg. Und ja, das ist einfach eine Sause, hier und da hereinzulesen, um einen Eindruck vom jeweiligen Sound zu bekommen, von den Geschichten oder den Dingen, die die Autor_innen aktuell bewegen. Geschenkt, dass ich, was die Shortlist angeht, vielleicht anders gewählt hätte. Ich bin erst mal einfach froh, eine Möglichkeit zu haben, auf Papier Neuerscheinungen durchzustöbern. Im Café, am Tisch, mit einem Bleistift in der Hand.

Und dann kommt eigentlich keine Überraschung, sondern die bereits lange geahnte Wahrheit ans Licht, dass ich vom aktuellen Büchertrend abgehängt bin. Oder mich wahrscheinlich selbst abgehängt habe. Das ist wie mit der aktuellen Musik. Ich habe tatsächlich keine Ahnung mehr. Ich höre, und verstehe nicht. So ähnlich geht es mir mit vielen der hier vorgestellten Bücher. Ich lese, ich verstehe aber nicht, warum ich da weiterlesen sollte. Und: Achtung! Ich meine nicht, dass die Texte schlecht oder langweilig sind. Sie bewegen mich nicht – oder vielleicht, nicht mehr.

Was passiert da? Ich spüre einen Überdruss an ausgedachten, an der Realtität abgeglichenen Geschichten. Ich spüre gleichzeitig einen Überdruss an absichtlich verkomplizierten Geschichten, die an der Realität abgeglichen sind, an aufgestockter Sprache oder auch an Zeitzeug_innen-Berichten aus Krisenregionen der Welt. Das ist meine Wahrnehmung, und ich bin tatsächlich unangenehm überrascht. Aber ich habe keine Lust, das zu lesen.

Mir fällt auf, das ich mich gerne beim Lesen mit der erzählenden Stimme verbünde. Das ich es mag, jemandem zuzuhören, die oder der ähnlich auf Welt reagiert wie ich. Das ist eine schlichte Leserinnenerwartung, ich weiß. Aber ich versuche, ehrlich zu sein. Es gab selten Bücher mit Stimmen, die ich unsympathisch fand, und die ich trotzdem gelesen habe. Es gab auch immer wieder Bücher, die ich kalt fand, aber die Sprache so sehr mochte, dass ich nur deshalb weiter gelesen habe.

Mir fällt auch auf, dass ich auf Überraschungen aus bin. Und ich denke, es sind sprachliche Überraschungen und nicht so sehr der Plot, der eine unerwartete Wendung nimmt. Oder Perspektiven, die plötzlich wechseln. Obwohl letzteres oft einen sehr eigenen Reiz hat. Mir fällt auch auf, dass ich mich von Stimmungen sehr schnell einfangen lasse, und dass es mir offensichtlich schwer fällt, von unangenehmen Stimmungen Abstand zu nehmen, sobald ich das Buch zuklappe. Wobei. Schwere Kost geht schon. Eher nicht der voyeuristische Grusel.

Mein Favorit ist Markus Thielemann mit „Vom Norden rollt ein Donner“. Wenn ich Zeit habe, schaue ich noch einmal, warum eigentlich. Habt Ihr Euch schon entschieden? Oder wartet Ihr ab, wie die Jury-Entscheidung ausfällt?

Träumen

Eindrückliche Träume sind entweder die ganz rätselhaften oder die, die eine Wunscherfüllung oder eine Art Lösung liefern. Heute Nacht gab es eine Überraschung für mich. Keine Lösung, dafür ist es zu spät, aber vielleicht ein Happy End, wenn auch ein eben „nur“ geträumtes:

In diesem Traum nämlich betrachte ich mit meinem Vater ein Bild. Zu sehen sind Bäume, es scheint ein Waldbild zu sein, die Bäume stehen dicht. Wir haben das Bild vor uns liegen, betrachten es, und unterhalten uns dabei. Uns kommen viele Ideen, gleichzeitig sprechen wir über unser Leben, unseren Alltag. So ist das also, denke ich, so hätte ein Verständnis für meine Arbeit bei meinen Eltern entstehen können. Mir ist im Traum schon klar, dass ich träume. Gleichzeitig erfüllt mich eine Dankbarkeit. Weil zumindest die Möglichkeit einer Annäherung für mich sichtbar geworden ist. Denn mein Vater ist ja gestorben, d.h. es wird ein solches Gespräch zwischen uns nicht mehr geben. Aber ich bin tatsächlich auf eine Art versöhnt, dass wir es zumindest in meinem Traum geführt haben.

In die Köpfen anderer

kann ich nicht hinein sehen. Meist ist das auch besser so. Wer tausend eigene Gedanke pro Minute verarbeiten muss, möchte sicher nicht noch mal tausend an die Backe geklatscht kriegen. Aber dann wäre es manchmal doch so hilfreich…

Mit großen Gehirnen ausgestattet, dreht bei uns fast jede Handlung vom Impuls bis zur Ausführung noch eine Runde durch den Kopf. Und dann sind wir ja oft selbst überrascht, was wir da machen. Deshalb sind wir häufig damit beschäftigt, unser Verhalten – und natürlich meistens das der anderen – zu deuten.

Dass in anderen Köpfe andere Regeln gelten, dass wir alle die Welt nur durch die eigenen Augen sehen, ist eine Binse. Dennoch gibt es in letzter Zeit häufiger Momente, in denen mich das beunruhigt. Wie kommen Menschen in Deutschand, oder eben auch in Europa, politisch zu so ganz anderen Einschätzungen bei gleicher Ausgangslage? Warum scheinen sich viele meiner (gleichaltrigen) Bekannten mehr um Eigenes, denn um Grundlegendes zu kümmern. Warum geht so viel Angst um? Oder auch in der eigenen Familie: Warum konnten wir über offensichtliche Missverständnisse, über persönliche Katastrophen, über Süchte oder Versäumnisse nicht sprechen. Es gab – zumindest bei uns – lediglich eine „offizielle“ Lesart, die einige Familienmitglieder in Umlauf brachten, und die Gesetz wurde. Obwohl so viel darin nicht stimmte.

Und hilft es am Ende wirklich, das rauszufinden? Ein auf Gleichheit und Augenhöhe gedachtes Miteinander geht davon aus. Dass wir mehr verstehen, wenn wir unser Gegenüber verstehen. Dass es offen macht, andere Standpunkte zu kennen. Um immer wieder auf die verwirrende Tatsache zurück zu kommen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt. Weder im Großen, noch im Privaten. Dass wir uns austauschen müssen, um für jeden einen sicheren Platz zu finden.

Wer bin ich, ist ja mehr als die eigene Einschätzung meiner selbst. Ich bin eben auch der Platz, den ich im Leben (anderer) einnehme. Auch wenn wir vielleicht nicht mehr von einer einzigen festen Position ausgehen sollten, sondern mehr so von einem bestimmten Feld. Wer ich bin ist eine Art Schnittmenge zwischen eigenen Vorstellungen und denen unserer Umgebung. In der politischen Diskussion ebenso wie bei privaten Angelegenheiten.

Ich erlebe das gerade im familiären Umfeld: Dass sich meine Position verändert. Nicht, weil ich eine andere geworden bin, sondern weil es mehr offene Gespräche gibt, bei denen wir unsere Köpfe mal fürs Gegenüber öffnen. Es ist gar nicht so einfach. Ich fühle mich zwar besser damit, es gibt aber auch einen traurigen Moment, dieses fast „zu spät“ dieser Öffnung.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass diese Ehrlichkeit etwas sein könnte, was uns im größeren gesellschaftlichen und politischen Diskurs helfen könnte. Keine Anekdoten oder rührende Storys. Sondern ein Gespräch, das mit offenem Visier geführt wird. Denn selbst, wenn wir anderer Meinung sind, finden wir vielleicht wieder gemeinsamen Boden in Hoffnungen, in Ängsten, in Einschätzungen.

Abschied

Mit diesem spektakulären Sonnenuntergang hat sich der Sommer aus Berlin verabschiedet. Ich bin, wie jedes Jahr, melancholisch.

Verpasst

Das ist vielleicht der traurigste Moment beim Wegräumen eines vergangenen Lebens, wenn man Dinge findet, die man nie gesehen hat, von denen man nichts wusste, und über die man niemanden mehr fragen kann. Der kleine Elefant gehört dazu. Mein Vater hat ihn 1990 gemacht. Da war ich seit einem Jahr in Berlin. Zwischen uns herrschte eisige Funkstille. Er war sauer, dass ich ihn und meine Mutter „verlassen“ hatte, ich war wütend, dass er so überhaupt denken konnte. Zumal ich gar nicht so frisch und abenteuerlustig das Rheinland verlassen hatte. Mir war halt nur klar geworden, dass es irgendwann nicht mehr passt, noch zu Hause zu leben. Und dass meine Eltern mir zu wenig zutrauten, so dass ich dringend alleine zurecht kommen musste.

Über diese Zeit wurde auch später nie mehr ein Wort verloren. In meiner Erinnerung sind da ausschließlich Ärger, Enttäuschung und das Gefühl, völlig allein gelassen worden zu sein. Denn natürlich hatte ich Heimweh. Natürlich wusste ich vieles nicht und war ängstlich und was nicht alles. Kam ich Weihnachten nach Hause, gab es Vorwürfe und Beleidigungen. Ein Austausch, oder die simple Frage: Was macht Ihr? war nicht möglich. Und dann dieser Elefant.

Ich habe geheult, als ich ihn gefunden habe. Eine Handvoll Traurigkeit, wie mir scheint. Ein einziges Wort oder einfach mal, schade, dass du nicht mehr da bist.

Ich verstehe, dass ich meinen Vater oft missverstanden habe. Nein. Ich konnte nicht anders. Er hat jahrelang nur geschrieen oder geschwiegen. Ich kam nicht an ihn ran. Erst in seinen letzten Monaten in Berlin habe ich überhaupt begriffen, dass er gar nicht über sich reden konnte. Was mich wirklich schockiert hat. Und jetzt steht da der kleine Elefant. Ich bin froh, dass er da ist.