Ein Lexikon

Als Kind mochte ich Lexika (Achtung für die nach mir Geborenen: Als ich Kind war, gab es Lexika im Buchformat: Schwere Schinken, mindestens zwei in der Kurzversion, ansonsten von der Bandzahl nach oben offen…). Mich faszinierten darin zwei Dinge: Dass Welt sich nach Buchstaben ordnen ließ und dass es (zumindest scheinbar) möglich war, das gesamte Wissen zwischen Buchdeckel zu stecken. Ich habe Nachmittage mit dem Lesen von Lexika verbracht, immer in der Hoffnung, mal alles durchzulesen (es haperte damals jedoch noch an Disziplin – weshalb es vielleicht eine fröhliche Erinnerung blieb). Den meisten Spass hatte ich – glaube ich – an der Abfolge der Begriffe. Da entstanden Nachbarschaften, die so keiner auf dem Schirm hatte (vielleicht nur die Dadaisten, aber die kannte ich da ja noch nicht, außerdem waren sie in meiner Kindheit in gewisser Weise auch schon wieder ausgestorben).

Lange Rede…: Ich hätte mir sicher nicht träumen lassen, dass ich später selbst einmal Teil eines Lexikon-Projekts sein würde, und sogar eines immens großen: Das Allgemeine Künstler Lexikon (AKL), das vom de Gruyter Verlag herausgegeben wird, gehört sicher zu den renommiertesten und größten Projekten im Lexikon-Segment: Alle Künstler/innen aller Länder und aller Zeiten – Das spricht für sich.

Es gibt ein Vorgängermodell. Kunst-, Kultur- und Geisteswissenschaftler/innen kennen womöglich den „Thieme/Becker“, wo man zu meinen Studienzeiten nachschlug, wenn man eine erste Übersicht über eine/n Künstler/in haben wollte. Im 20. Jahrhundert verfasst und allmählich löchrig geworden, was zeitgenössische Kunst und die Genauigkeit von Fakten und Einschätzungen anging, startete man in den 1960er Jahren in Leipzig den gigantischen Versuch, das Lexikon neu zu schreiben, und eben auf den Stand der Dinge zu bringen. Ein Versuch, der um so gigantischer und geradezu irrwitziger wurde, als ein Jahr später die Mauer gebaut wurde.

Häme ist einfach. Bis zur Wende kam – wenn ich das richtig in Erinnerung habe – ein Band heraus. Das Projekt wechselte den Verlag, mittlerweile sind wir bei S- angekommen. Der Tag der – zumindest ersten – Fertigstellung steht in gewisser Weise schon am Horizont. Aber auch die Herausforderungen sind gewachsen: Digitalisierung ist Segen und Fluch für so ein Buchprojekt zugleich. Denn wo einerseits wahrscheinlich allein aus technischen Gründen noch bei B- oder höchstens C- gewerkelt würde (ohne Computer), ist die Web-Konkurrenz doch enorm gewachsen (und nicht nur in Klammern: natürlich gibt es eine Online-Ausgabe).

Ein zweiter Punkt ist: Wir arbeiten bis heute auch auf der Grundlage der Vorarbeiten unserer ehemaligen DDR-Kolleg/innen. Alleine aus der Zusammenstellung ihrer jeweiligen Sammlung von Artikeln, Ausstellungsankündigungen, bibliographischen Notizen oder biografischen Fragmenten zu den einzelnen Künstler/innen, wäre ein eigener Blog wert. Dieser unendliche Optimismus sämtlicher mit der Hand geschriebenen Karteikarten (selbstredend selbstgemacht) oder die liebevolle Pedanterie, auf DinA 5 Formate gefalteter Zeitungsartikel (die meist beim Auseinanderklappen zerfallen) und die zur Vergangenheit gerosteten Büroklammern) erzählen Geschichten und rühren mich oft bis ins Mark (nicht putzig, sondern mit Respekt – ich wäre an dieser Sisyphus-Arbeit wahrscheinlich zerbrochen). Oder die unergründlichen Regeln der Abkürzungen, die im AKL verwendet werden. Hier wird deutlich, was gelegentlich in der Forschung untergeht: wir stehen immer auf den Schultern unserer Vorgänger/innen, seien es Ries/innen gewesen oder auch nicht.

Interessant ist übrigens, wie sich mit den großen, längst fälligen Debatten über Frauenquote und außereuropäischer Kunst (um nur zwei zu nennen) der Rahmen des Projekts verengt und quasi von innen heraus angepasst werden muss. Denn das Projekt ist eurozentristisch at it’s best. Und gehört zu den vielleicht vermessenen, aber eben auch im hochherzigsten Sinn aufgeklärten Unternehmungen, für die wir in Europa bekannt sind. Ich habe an der Stelle das Gefühl, wir können mit gutem Gewissen weitermachen, wenn wir sehr klar unseren eigenen Standpunkt sichtbar machen. Für mich immer das Kennzeichen seriöser Forschung, wie eines seriösen Journalismus. Schade, aber das ist bei fertigen Produkten immer so, dass für das Publikum die Seite des Machens unsichtbar bleibt. Denn, so scheint mir, je älter ich werde, das Machen selbst ist eine Kulturtechnik, die sichtbar bleiben muss, damit sich Fake-News nicht so rasend schnell verbreiten. Wer nicht mehr weiß, wie es zu Fakten oder Urteilen kommt – im Allgemeinen und im Konkreten – kann Welt nicht mehr verstehen. Puh. aber das ist ein anderes Thema…

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. de Chareli 3. Februar 2019

    Lexika und Atlanten – die logische Fortsetzung meiner Wimmel-Bild-Büchern mit Sachbegriffen, auf Deutsch, dieser für mich neuen, faszinierenden Sprache. Als Sechs- und Siebenjähriger umfasste mein rasch wachsender Wortschatz solch tolle, zunächst völlig nutzlose Wörter wie Regenrinne, Müllabfuhr, Gullideckel, Säbelzahntiger und Karbon (das geologische Zeitalter, nicht der Werkstoff). Und mit Atlanten und Karten befasse ich mich heute mich heute nich sehr gern. Was für eine schöne Erinnerung Sie da geweckt haben. 😊

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    • Stephanie Jaeckel 9. Februar 2019

      Ja, diese Wimmel-Bild-Bücher habe ich auch schätzen gelernt! Es ist – vor allem auf Reisen – sehr viel einfacher, mit ihnen sprachlich zu den Dingen zu kommen, die man ganz konkret braucht. Dafür waren (und sind) Lexika auf eine Art auch eine Anregung, über Dinge ganz aus ihrem konkreten Zusammenhang herausgetrennt nachzudenken. Das hat mich, glaube ich zumindest, schon als Kind sehr angesprochen.

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